Das inoffizielle Steyrer Digitalisierungszentrum wirkt unscheinbar. Historische Steyrer Ansichten zieren die Wände des kleinen Gewölbes. Ein großer Teppich in der Mitte des Raumes sorgt für Gemütlichkeit. Im großen Bücherregal an der hinteren Wand ist Standardliteratur zur Steyrer Geschichte zu finden. Im starken Kontrast dazu stehen das habe Dutzend Scanner und die fast ebenso vielen Bildschirme. Hightech im historischen Bürgerhaus. Zwar sind mehrere Arbeitsplätze eingerichtet, doch gearbeitet wird hier nur von einer Person: Kurt Rossacher.

Der mittlerweile routinierte „Digitalisatör“ – wie er sich selbst ironisch nennt – arbeitet seit dem Jahr 2017 stetig an der Erweiterung seines umfassenden Digitalarchivs. Auf seiner Website steyr.dahoam.net stellt er der Allgemeinheit Literatur zur Verfügung, die zur Geschichte Steyrs oder der Umgebung veröffentlicht wurde.

Die Ratsprotokolle der Stadt Steyr sind wichtige Quellen für die Stadtgeschichte.
Der Großteil der Ratsprotokolle der Stadt Steyr, die seit 1569 überliefert sind, wurden handschriftlich geführt, was die Arbeit mit ihnen erschwert.

Seit Herbst 2022 arbeitet er in Kooperation mit dem Stadtarchiv Steyr an der Digitalisierung der Rats- und Gemeinderatsprotokolle. Der Gemeinderat – früher nur „Rat“ – war und ist das wichtigste Organ der Stadt Steyr. Gravierende finanzielle und politische Entscheidungen für das Gemeinwohl der Bewohner:innen Steyrs werden hier getroffen. Die Sitzungsprotokolle dokumentieren die Entscheidungsfindung und machen das politische Handeln transparent und nachvollziehbar.

Im Stadtarchiv sind diese Protokolle ab dem Jahr 1569 überliefert. Sie stellen eine der wichtigsten Quellen für das Verständnis der Stadtentwicklung dar. Allerdings sind zu den wenigsten Protokollen alphabetische Namensregister oder Indizes erhalten, was die Suche darin erschwert. Hinzu kommt, dass die Protokolle bis 1894 per Hand geschrieben wurden und diese „Kurrentschrift“ heute von vielen nicht mehr gelesen werden kann.

Das Digitalisierungszentrum in einem alten Bürgerhaus verbindet Modernität und historisches Bewusstsein.

Durch die Digitalisierung ergibt sich nun eine unheimliche Erleichterung und Beschleunigung bei der Beantwortung von Fragen zur Stadtgeschichte und beim Vernetzen von Wissen. Dabei heißt Digitalisierung hier nicht einfach einen Scan – quasi ein Foto – von einem Protokoll zu machen. Nein, Rossacher arbeitet mit einer speziellen Software, die alte Handschriften in moderne Druckschrift umwandelt. So sind sämtliche aufwändig bearbeiteten Gemeinderatsprotokolle im Volltext mit Wörtern durchsuchbar.

Bis so ein Protokoll durchsuchbar ist, sind aber viele Schritte nötig: Nach dem zeitintensiven Scannen folgt eine seitenweise Bearbeitung per Photoshop: Kontrast und Weißabgleich werden nachgebessert, die Seiten geradegerückt und unschöne Seitenränder beschnitten. Die Software Transkribus wandelt dann per KI (Künstliche Intelligenz) die Kurrentschrift in heute lesbare Schrift um. Damit das möglichst reibungslos funktioniert, ist bei ganz speziellen Handschriften (wie jener des Sekretärs Paul Buberl in den 1830er Jahren) ein stundenlanges Anlernen der KI auf die Handschrift des jeweiligen Protokollschreibers notwendig. Dazu muss Rossacher ca. 50 Seiten Protokoll zunächst händisch transkribieren. Nur so kann die KI lernen, die eigenwillige Handschrift aus dem 19. Jahrhundert beinahe fehlerfrei zu lesen. Inzwischen stellt Transkribus aber Schrifterkennungsmodelle zur Verfügung, die eine breite Palette an Schreibstilen abdeckt.

Eine Beispielseite für die Handschrift des Sekretärs Buberl.
Protokollschreiber Paul Buberl hatte eine ganz eigenwillige Schrift, auf die die KI aufwändig antrainiert werden musste.

Die von der KI ausgespuckten Transkriptionen werden dann nochmal akribisch auf Richtigkeit geprüft. Jede einzelne Seite wird nochmals entweder von Rossacher selbst, durch den Ehrenamtlichen Gotthard Schönmayr aus Garsten, der Stadtarchivarin Doris Hörmann oder dem Archivmitarbeiter Elias Knapp gelesen. Stimmt alles, können die Dateien im PDF-Format auf die Website geladen werden und sind dann von der Allgemeinheit kostenlos benutzbar.

Sowohl Qualität der Digitalisate, Umfang als auch Benutzerfreundlichkeit der Suche sprechen monatlich 7.500 Website-Besucher:innen an. „Vergleichbare Digitalisierungsinitiativen kenne ich sonst nur von Universitäten oder Landes- und Nationalbibliotheken oder größeren Archiven mit einem entsprechenden Budget. Man schaue sich die Projekte der Österreichischen Nationalbibliothek oder das Münchner Digitalisierungszentrum an. Dass eine Einzelperson so etwas in ähnlicher Qualität und in diesem Umfang stemmt, ist etwas ganz Erstaunliches und für Steyr ein unheimliches Glück“, zeigt sich Stadtarchivarin Doris Hörmann von den Leistungen Kurt Rossachers beeindruckt.

Das professionelle Setup des Digitalarchivs Steyr.
Das Setup des Digitalarchivs wird von Rossacher laufend ausgebaut und verbessert.

Seit Herbst 2022 hat Rossacher bereits unzählige Sitzungsprotokolle zwischen 1829 und der jüngsten Vergangenheit digitalisiert. Nur langsam arbeitet sich die Gruppe vor bis ins Jahr 1569. Zuvor hatte Rossacher bereits sämtliche Veröffentlichungen des Kulturamtes von 1949 bis 1986, die Amtsblätter von 1958 bis 2002, u. v. a. m. digital durchsuchbar der Stadt zur Verfügung gestellt und an der Digitalisierung eines über 600-seitiges Findbuches zu den Quellen des Stadtarchivs mitgearbeitet. Rossacher finanziert seit Beginn an seine Tätigkeit größtenteils privat. Seit wenigen Jahren wird seine Arbeit finanziell durch die Stadt Steyr unterstützt. Die Kosten für die aufwändige Infrastruktur – darunter mehrere Scanner für unterschiedliche Medienformate, diverse Computerprogramme, Server und Website – können damit gerade so gedeckt werden. Rossachers ehrenamtliche Arbeit für die Stadt und alle Geschichtsinteressierten ist unbezahlbar.

(Anmerkung: Dieser Beitrag erschien in ähnlicher Form im Amtsblatt der Stadt Steyr im Jänner 2023 und wurde aktualisiert.)


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